Dec 22

Jesus, das jüdische Baby

Lasst uns an das jüdische Volk denken, das das ‚Lichterfest‘ – Chanukkah – feiert. Lasst uns das Licht der Welt bitten, dass er in ihre Dunkelheit hineinkommt.

Ich liebe die Weihnachtszeit. All die Kerzen, gebrannte Mandeln, Glühwein und die herrlich kitschigen Krippen mit diesem pausbäckigen, hellblonden, ewig lächelnden, jüdischen Baby.

Advent. Es ist Zeit inne zu halten, in sich zu gehen, zur Ruhe zu kommen. Advent – Ankunft des Königs der Juden. Wir haben in unseren Weihnachtskrippen erfolgreich jede Assoziation an den Nahen Osten und das Judentum verbannt – ist das Zufall, Brauchtum, Tradition?

Oder liegt alldem eine giftige Wurzel zugrunde, die leise und unscheinbar eine Abneigung gegen alles Jüdische in uns nährt?

Weil Chanukkah, das jüdische Lichterfest, und unser christliches Weihnachten in diesem Jahr besonders nahe beieinander liegen, ist es mir ein Anliegen, dass wir unsere Herzen einmal ohne Pardon wie eine Weihnachtskiste ausleeren und ordentlich aussortieren. Das Verhedderte wieder entwirren, das Verstaubte entstauben und – wenn nötig – wieder Ordnung in etwas bringen, was vielleicht seit vielen Jahren, seit vielen Generationen durcheinander geraten ist.

Es ist erstaunlich, wie wenig das Thema ‚Israel‘ unter Christen Thema ist. Es ist erstaunlich, wie wenig in Gottesdiensten für Israel und das jüdische Volk gebetet wird. Es ist erstaunlich, wie passiv viele Christen sich verhalten, wenn in Israel schlimme Feuer lodern, teilweise von Terroristen angefacht, und sich im Internet ganz salonfähig über die ‚Strafe Allahs‘ gefreut wird. Das alles ist wirklich erstaunlich deswegen, weil wir Christen auf das Engste mit dem jüdischen Volk verbunden sind. Unser Erlöser ist ein jüdischer Messias! Die Bibel, die wir lesen, ist ein jüdisches Buch! Jesus wird nicht nach Berlin oder Wien zurückkommen, sondern nach Jerusalem! Und trotz unseres jüdischen Erbes hat sich die Christenheit über die Jahrhunderte immer wieder hochmütig von den Juden abgewandt.

Heutzutage gibt es Gott sei Dank keine christlichen Angriffe mehr gegen das jüdische Volk. Aber es herrscht ein großes Schweigen.

Ist das schon Antisemitismus? Einfach nichts zu sagen? Keine Stellung zu beziehen? Das Schweigen hat ja fast etwas wohltuendes – man kann nichts Falsches sagen und in kein Fettnäpfchen treten und so auch auf keinen Fall irgendeine, längst vergessene, ins letzte Eck des Herzens abgestellte Abneigung gegen das jüdische Volk ans Tageslicht kommen lassen.

Ich stelle mir vor, dass diese Fragen gelegentlich durch das christliche Gehirn geistern:

Reicht es denn nicht, einfach nur nichts gegen Israel und die Juden zu haben? Muss ich mich denn an der Seite Israels positionieren und – auch das noch – meine Meinung kund tun? Kann ich nicht einfach meine Weihnachtskrippe aufbauen und schlichtweg vergessen, dass Bethlehem heute ‚judenfrei‘ ist? Ich will meinen Frieden, was kümmert es mich, dass Israel keinen Frieden hat?

Ich glaube, wer Jesus, dem Juden, nachfolgt, steht in der Verantwortung für Israel zu beten (Psalm 122,6). Wer Jesus, den Juden anbetet, den geht es etwas an, wenn das israelische Volk massiv von Terror bedroht wird (Jesaja 61,1). Wer an Weihnachten in die Kirche geht und von ganzem Herzen dankbar ist, dass dieser Jeschua, der jüdische Messias in unsere kranke, kalte Welt gekommen ist, um von Sünde freizusetzen, dann muss man, dann kann man gar nicht anders, als auf das Volk zu sehen, in welches der Heiland hinein geboren wurde (Jesaja 9,1).

Und wenn man seinen Erretter wirklich kennen möchte, dann bietet es sich an, das Judentum, die Kultur Jesu zu kennen zu lernen. Es ist faszinierend, wie viel tiefer die Bibel sich dem Leser aufschließt, der mit dem jüdischen Kontext vertraut ist. Ich halte es mit Corrie ten Boom: Man kann nicht Jesus lieben und die Juden gleichzeitig hassen oder ihnen gleichgültig gegenüber stehen.

Und wenn man sich auf diesen Prozess einlässt, des Kennenlernens der jüdischen Kultur, des Hinwendens an unser jüdisches Erbe, dann kann es sein oder es wird, so vermute ich, in den allermeisten Fällen passieren, dass Antisemitismus entlarvt wird.

Denn der ist weiter verbreitet, als wir meinen. Auch in unseren christlichen Herzen. Oder vielleicht gerade da. Denn eines will der Feind, der Erfinder des Judenhasses, ganz bestimmt nicht: dass wir begreifen, dass wir Heidenchristen und die Juden durch Jesus eins werden sollen. Das ist Gottes Plan. (Epheser 2,14) Und wenn schon der Ungehorsam der Juden uns so zum Segen geworden ist, dass wir nämlich Teil dieses edlen Ölbaumes sein können, wieviel mehr der Gehorsam? Die Umkehr? Die Bekehrung der Juden zu ihrem König? (Römer 11,15)

Wenn nun endlich in unserem Wohnzimmer die Lichterkette hängt und Plätzchenduft den Raum erfüllt, wenn die Glocken läuten am 24. Dezember, dann lasst uns inne halten. Einen Moment zur Ruhe kommen und ein Gebet sprechen.

Lasst uns an das jüdische Volk denken, das das ‚Lichterfest‘ – Chanukkah – feiert. Mit der großen Kerze, ‚dem Diener‘ werden die kleineren Kerzen angezündet. Ist das nicht wunderschöne Symbolik? Lasst uns das Licht der Welt bitten, dass er in ihre Dunkelheit hineinkommt. Dass er uns eine Stimme gibt, die sich für sein Volk erhebt, dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs Israel segnet, dass er ihm Frieden schenken möge und vor allem offene Herzen, dass sie erkennen können (und auch wir): er kam zuerst für sie.

Achim Grafe (nach N.N.)